23.01.19

Flüchtlinge im Mittelmeer: Die EU muss jetzt dringend eine Lösung finden

Rückzug Deutschlands aus der Mission „Sophia“ außerordentlich bedauerlich

Angesichts der Ankündigung Deutschlands, sich vorerst nicht mehr mit Marineschiffen an der Mittelmeermission „Sophia“ der Europäischen Union (EU) zu beteiligen, fordert der Verband Deutscher Reeder (VDR) die EU auf, eine Lösung des seit langem schwelenden Streits über den Umgang mit Bootsflüchtlingen zu finden.

Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des VDR: „Wir bedauern die Entscheidung der Bundesregierung außerordentlich. Es ist zwar verständlich, dass sich die deutsche Marine angesichts der Einsatzsituation fürs Erste zurückziehen will. Wenn aber schon staatliche Schiffe nicht mehr retten, weil sie die Aufgenommenen nicht gesichert abgeben können, wie soll es dann Besatzungen und Schiffen der Handelsflotte gehen?“

„Jetzt muss die EU endlich handeln. Europa darf in einer menschlich und politisch so wichtigen Frage nicht gelähmt bleiben. Sonst kehren wir zurück zu den für Flüchtlinge wie Seeleute schlicht untragbaren Zuständen in früheren Jahren. Denn die lebensgefährliche Migration über das Mittelmeer hört ja nicht auf, bloß weil Europa sich streitet.“

Die seit dem Jahr 2015 ausgeweiteten Rettungsaktivitäten der EU und der nationalen Küstenwachen und Marineschiffe hatten die Situation für Handelsschiffe und ihre Besatzungen zuletzt entspannt. Sie waren nur noch selten direkt in Rettungseinsätze involviert. „Seitdem sich die europäischen Staaten auf derartige Operationen verständigt haben, wurde die deutsche Handelsschifffahrt deutlich entlastet, weil staatliche Schiffe in der Regel die Aufnahme der Flüchtlinge übernommen haben“, sagte Ralf Nagel. „Das schließt aber nicht aus, dass deutsche Reeder nach wie vor auch zu Rettungseinsätzen gerufen werden.“

Die Handelsschifffahrt sei selbstverständlich jetzt und in Zukunft dazu bereit, in Not befindlichen Menschen zu helfen. „Sie ist aber nicht Teil der politischen Lösung und darf es auch nicht werden“, betonte Nagel: „Die deutschen Reeder werden ihrer Verantwortung gerecht und erfüllen die Vorgaben des internationalen Seerechts, um Menschen aus Seenot zu retten, wenn sie ihnen auf dem Mittelmeer begegnen oder von den zuständigen Stellen hierzu aufgefordert werden. Die europäische Staatengemeinschaft sollte aber keinesfalls erneut den Druck auf die Handelsschifffahrt erhöhen, indem sie sich einfach aus der Aufgabe zurückzieht. Für die Aufnahme von Dutzenden oder gar hunderten Menschen sind die Crews nicht ausgebildet und Frachtschiffe nicht ausgerüstet.“

Wie dringend das Problem ist, zeigen Zahlen: Bisher wurden nach Medienberichten im Rahmen der EU-Mission fast 50.000 Bootsflüchtlinge gerettet, allein deutsche Marinesoldaten haben seit Mai 2015 demnach etwa 22.500 Menschen im Mittelmeer aus Seenot gerettet.

Ralf Nagel: „Es handelt sich fast ausschließlich nicht um normale Seenotrettungssituationen
von Schiffbrüchigen. Was die Besatzungen hier antreffen, ist eine menschliche Katastrophe:
hundert oder mehr Menschen; Schwangere, Kinder, Kranke – großenteils völlig erschöpft,
dehydriert und oft traumatisiert. Darauf sind die Mannschaften nicht vorbereitet, zumal sie
an Bord die Menschen, insbesondere Kranke und Verletzte, nicht angemessen versorgen
können. Das sind traumatische Erlebnisse auch für Seeleute.“
 

 

Über den Verband Deutscher Reeder
Der Verband Deutscher Reeder (VDR) vertritt die gemeinsamen wirtschafts- und sozialpolitischen Interessen der
deutschen Reedereien auf der Ebene des Bundes und der Länder sowie gegenüber europäischen und internationalen
Instanzen. Der VDR wurde 1907 gegründet und hat sich 1994 mit dem Verband der Deutschen Küstenschiffseigner
zusammengeschlossen. Mit rund 220 Mitgliedern vertritt der VDR den größten Teil der deutschen
Handelsflotte. Mehr Informationen unter www.reederverband.de

 

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